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Lovis Corinth

Lovis Corinth

Quelle: Wikipedia

Lovis Corinth – Meister zwischen Impressionismus und Expressionismus

Ein künstlerisches Leben voller Energie, Wandel und wegweisender Bilder

Lovis Corinth, geboren 1858 in Tapiau (Ostpreußen) und 1925 im niederländischen Zandvoort verstorben, zählt zu den einflussreichsten deutschen Malern und Grafikern der Moderne. Mit einer Musikkarriere hat sein Werk nichts zu tun – und doch erinnert seine künstlerische Entwicklung an eine sinfonische Dramaturgie: von den realistischen Anfängen über impressionistische Klangfarben bis zu expressionistischen Fortissimi in der Spätphase. Sein Œuvre umfasst Gemälde, Zeichnungen und eine reiche Druckgrafik; sein Name steht neben Max Liebermann und Max Slevogt für die Berliner Secession und den deutschen Impressionismus. Seine Bühne war die Leinwand, seine Bühnenpräsenz die Wucht des Pinsels, sein Durchbruch die souveräne Synthese aus Beobachtung, Farbe, Rhythmus und innerer Dramatik.

Ausbildung und künstlerische Entwicklung: Von Königsberg nach Paris

Corinths künstlerische Laufbahn begann 1876 an der Akademie in Königsberg, führte ihn ab 1880 nach München und 1884 für Studienaufenthalte nach Antwerpen und Paris. Die akademische Strenge von Königsberg, die figürliche Beobachtung in München und die zeichnerische Disziplin an der Académie Julian schärften seine Expertise in Komposition, Anatomie und Tonwerten. Früh bewunderte er die barocke Vitalität Rubens’, ohne im Historienbild zu verharren. Aus München bringt er eine realistische Grundierung mit, in Paris verfeinert er sein Zeichnen; das Ergebnis ist ein Künstler, der Körperlichkeit und Lichtführung mit seltener Überzeugungskraft verbindet.

Nach seiner Rückkehr 1887 in den deutschen Kunstbetrieb reagiert Corinth auf das akademische Establishment mit einer modernen, sinnlichen Bildsprache. In Berlin findet er ab 1901 sein künstlerisches Zuhause: eine pulsierende Metropole, deren Ausstellungswesen und Galerienszene Raum für Experimente bieten. Die Berliner Secession wird zu seiner Plattform – und später zu seinem Verantwortungsraum.

Berlin, Secession, Verantwortung: Autorität im Kunstfeld

Die Berliner Secession stand um 1900 für künstlerische Eigenständigkeit gegenüber staatlichen Akademien. Corinth schloss sich dem Kreis um Max Liebermann an, wurde zu einem prägenden Gesicht des Vereins und übernahm in den 1910er Jahren Führungsverantwortung. Diese Phase dokumentiert seine Autorität im Feld: Er kuratierte mit, positionierte und stritt für Bildideen, die das Spektrum von impressionistischer Freilichtmalerei bis zu dramatischen Historien- und Religionssujets erweiterten. Seine Rolle als Präsident (1915–1925) fällt in eine Zeit tiefgreifender ästhetischer Auseinandersetzungen, in der er zunächst Distanz zum Expressionismus wahrte, dann aber – durch innere und äußere Umbrüche – dessen expressive Mittel bejahend integrierte.

Der Einschnitt von 1911: Krankheit als Katalysator des Stils

Im Dezember 1911 erlitt Corinth einen Schlaganfall, der ihn zeitweilig lähmte. Der biografische Bruch wurde zum ästhetischen Wendepunkt: Der Pinselduktus wurde energischer, die Palette leuchtender, die Struktur der Bilder bewegter. Wo früher naturalistische Ruhe dominierte, entstanden nun Kompositionen mit gesteigerter rhythmischer Dichte und expressiver Farbdramaturgie. In dieser Phase entstehen Landschaften, Stillleben, Bildnisse und religiöse Darstellungen von außergewöhnlicher Vitalität – Werke, in denen Erfahrung und Expertise unmittelbar in der Oberfläche sichtbar werden.

Motivwelt und Werkgruppen: Porträt, Mythos, Religion, Landschaft

Corinths Diskographie des Bildes – seine Werkgruppen – lässt sich in vier Achsen lesen. Erstens die Porträtkunst: zahlreich sind Selbstbildnisse und Bildnisse seiner Frau Charlotte Berend, die ihm als Muse, Modell, Malerin und späterer Werkverzeichnerin eng verbunden war. Zweitens die mythologischen und literarischen Sujets, in denen er barocke Fülle, Körper- und Stoffstudien mit dramatischer Lichtregie verknüpfte. Drittens die religiösen Darstellungen, in denen Pathos, Farbintensität und psychologische Zuspitzung eine moderne Passionsikonografie hervorbringen. Viertens die Landschaften – insbesondere die Walchensee-Bilder – als lyrische, aber energetisch aufgeladene Studien von Wasser, Wind und Licht. Diese vier Stränge verschränken sich zu einem Gesamtwerk, das zwischen Empfindung und Konstruktion, Beobachtung und Imagination oszilliert.

Charlotte Berend-Corinth: Partnerin, Protagonistin, Chronistin

Die künstlerische Beziehung zu Charlotte Berend zählt zu den produktivsten Künstlerpartnerschaften der Zeit. Als erste Schülerin in Corinths Malschule für Frauen wurde sie rasch Modell, Ehefrau und eigenständige Malerin. In ikonischen Bildern inszeniert Corinth Charlotte in Rollen, Kostümen und Intimitäten: eine Erzählung über Weiblichkeit, Rollenspiel und die Nähe zweier künstlerischer Temperamente. Nach Corinths Tod ordnete sie sein Werk, zeigte Autorität in Fragen der Authentifizierung und legte mit dem Werkverzeichnis den Grundstein für die moderne Corinth-Forschung. Ihre Arbeit belegt die Vertrauenswürdigkeit der Werkdaten, ihre biografischen Aufzeichnungen vertiefen die Deutung einzelner Bildzyklen.

Walchensee: Topografie als Seelenraum

Ab 1919 verbrachte das Paar viel Zeit am Walchensee. Die dort entstandenen Bilder sind keine topografischen Postkarten, sondern malerische Wetterberichte des Inneren: wogende Wellenkämme, umkippende Horizonte, dramatische Himmel. Maltechnisch verdichtet Corinth hier die Impulse der Spätimpressionisten mit expressionistischer Geste. Die Serie wurde zu einem Markenzeichen seines Spätwerks und gehört heute zu den beliebtesten Werkgruppen in Sammlungen und Ausstellungen – ein Lehrstück über Naturwahrnehmung, Pinselrhythmus und Farbklang.

Druckgrafik und Atelierpraxis: Technik, Serie, Variation

Neben der Malerei entwickelte Corinth eine bedeutende grafische Produktion: Radierungen und Lithografien, serielle Folgen zu biblischen Stoffen sowie thematische Suiten. Die Druckgrafik zeigt seine kompositorische Erfindungskraft im ökonomischen Strich, die Fähigkeit, Volumen, Gestus und Affekt mit minimalen Mitteln zu verdichten. Werkstattlogik und Publikationspraxis machten diese Blätter zu wichtigen Trägern seiner Bildideen – beweglich, zirkulationsfähig, für Sammler zugänglich. Für die kunsthistorische Forschung sind sie zugleich Seismogramme seiner stilistischen Prozesse.

Spätwerk: Farbe, Schmerz, Selbstreflexion

In den letzten Jahren verdichtet sich Corinths Malerei zur reifen Handschrift: Farbflächen geraten ins Vibrieren, Konturen lösen sich auf, die Malschicht pulsiert. Religiöse Themen erreichen eine Intensität, in der die historische Ikonografie als Gegenwartserfahrung erscheint. Die späten Selbstbildnisse – nahe, ungeschönt, schonungslos – verknüpfen Selbstbefragung und malerische Virtuosität. Das letzte Jahr 1925 bringt eine Serie von Bildern, die zugleich Resümee und Aufbruch markieren; wenige Wochen später endet das Leben dieses unermüdlichen Arbeiters an der Farbe.

Rezeption, Ausstellungen, Provenienz: Autorität im Museum

Corinths Bedeutung zeigte sich früh in großen Ausstellungen und monografischen Katalogen. Seine Arbeiten zählen heute zum Kernbestand vieler Häuser, darunter die Sammlungen der Nationalgalerie in Berlin, wo Erwerbungen, Beschlagnahmen und Rückführungen die bewegte Institutionengeschichte des 20. Jahrhunderts spiegeln. Die Forschung konzentriert sich neben Stil- und Motivfragen zunehmend auf Provenienz: Lücken der Jahre 1933 bis 1945, Rückgaben an Erben jüdischer Sammlerinnen und Sammler, Rekonstruktionen von Sammlungspfaden. Diese Aufarbeitung stärkt die Vertrauenswürdigkeit des Feldes und kontextualisiert die Biografien der Werke.

„Entartete Kunst“ und die Folgen: Kulturpolitik als Zäsur

Nach 1933 diffamierte das NS-Regime die Moderne als „entartet“ und beschlagnahmte tausende Werke. Auch Arbeiten Corinths fielen der Säuberung zum Opfer; manche wurden in der berüchtigten Ausstellung vorgeführt, andere ins Ausland verkauft oder vernichtet. Der Angriff auf die Moderne zerstörte Kontexte, zerschnitt Werkbiografien und verstellte für Jahrzehnte die Rezeption. Erst posthum – durch Forschung, Restitution und Museumsarbeit – wird die künstlerische Leistung wieder in ihrer ganzen Spannweite sichtbar. Diese historische Erfahrung ist Teil der heutigen Autorität des Kanons: Was Bestand hat, setzt sich trotz ideologischer Verwerfungen durch.

Ausgewählte Werke und ihre kunsthistorische Einordnung

Corinths Porträts sind Laboratorien der Psychologie: Sie verbinden genaue Physiognomik mit malerischer Freiheit – ein Spannungsfeld, das ihn von rein optischen Impressionisten unterscheidet. In seinen religiösen Bildern verschiebt er die Ikonografie vom Erhabenen ins Unmittelbare; in den Walchensee-Landschaften setzt er auf die Energie der Farbe, die reflektierte Struktur des Pinselstrichs und das choreografierte Licht. Dies alles macht ihn zu einem Scharnierkünstler zwischen den Epochen: ein Meister der Übergänge, dessen Komposition und Produktion technische Expertise und existenzielle Erfahrung bündelt.

Aktuelle Forschung und neue Kontexte

Ausstellungen im Zeichen von Jahrestagen und Sammlungsforschung schlagen Brücken zwischen Werk und Gegenwart. Skizzenbücher, Briefe und Drucke öffnen Einblicke in die Atelierpraxis; Provenienzprojekte machen Besitzwege transparent. Museen schaffen dabei nicht nur Sichtbarkeit, sondern prüfen auch die eigene Geschichte – eine doppelte Bewegung, die Corinths Werk in der Öffentlichkeit verankert und seine Relevanz für die Kunstgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts unterstreicht.

Fazit: Warum Lovis Corinth heute bewegt

Corinths Kunst lebt aus der Spannung von Kontrolle und Freiheit, Wissen und Risiko. Seine künstlerische Entwicklung vom realistischen Beobachter zum expressiven Gestalter zeigt, wie Erfahrung Stil gebiert und wie Expertise sich in Farbe und Form niederschlägt. Wer seine Bilder betrachtet, erlebt Malerei als Ereignis: vibrierende Oberflächen, dichte Atmosphären, psychologisch geladene Figuren. Das macht Lovis Corinth zu einem Künstler, dessen Werk auch hundert Jahre nach seinem Tod einen aktuellen Ton trifft. Empfehlung: Im Museum vor einem Walchensee-Bild stehen, die Pinselrhythmen verfolgen – und den Künstler live im Original erleben.

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