Jochen Malmsheimer

Quelle: Wikipedia

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Jochen Malmsheimer – Sprachakrobat, Kabarett-Architekt, Chronist des Alltäglichen
Die Wucht der Worte: Warum Jochen Malmsheimer seit Jahrzehnten das deutsche Kabarett prägt
Jochen Malmsheimer, 1961 in Essen geboren und in Bochum aufgewachsen, steht wie kaum ein anderer für die Kunst des gesprochenen Wortes. Seine Musikkarriere im engeren Sinne existiert nicht, doch seine Bühnenpräsenz, sein Timing und seine stimmliche Dynamik erinnern an große Sänger, die ihre Texte „komponieren“, arrangieren und in präzise gesetzten Phrasierungen darbieten. In Malmsheimers künstlerischer Entwicklung verschränken sich episches Kabarett, literarische Feinarbeit und ein Ohr für die Rhythmik der Sprache. Wer ihn live erlebt, spürt, wie aus Sprache Klang wird – eine Produktion ohne Studio, aber mit maximaler Resonanz im Saal.
Bekannt wurde Malmsheimer zunächst mit dem Duo Tresenlesen, gemeinsam mit Frank Goosen. Seit 2000 schreibt er seine Solokapitel – mit vielfach ausgezeichneten Programmen, Tourneen und Veröffentlichungen auf Tonträgern und DVD. Er ist ein Kabarettist, der die Profanitäten des Lebens so seziert, dass sie im nächsten Moment zu Philosophie und Poetik anwachsen. Diese Dialektik macht seinen kulturellen Einfluss aus – und erklärt, warum Publikum und Kritik seine Auftritte als Hochleistungskunst feiern.
Biografie: Von Essen und Bochum auf die Bühnen des Landes
Malmsheimer absolvierte nach dem Abitur am Bochumer Gymnasium am Ostring ein Germanistik- und Geschichtsstudium, das er zugunsten einer Buchhändlerlehre abbrach. Früh übte er den Auftritt vor Menschen – zunächst als Sänger der Bluesband „Vatermörder“, später als Vorleser in Bochumer Kneipen. Diese Anfänge schärften sein Gespür für Publikumskontakt, Sprachfarben und die Komik präziser Betonungen. Aus der Lesebühnen-Tradition wuchs 1992 Tresenlesen: Zwei Autoren, zwei Stimmen, ein literarisches Kabarett mit Kultstatus in den 1990er Jahren.
Nach der Trennung des Duos im Jahr 2000 etablierte sich Malmsheimer als Solist. Er erfand sein „episches Kabarett“ – eine Form, in der Erzählbögen, Figurenrede, Wortfelder und Abschweifungen zu einem akustischen Mosaik verschmelzen. Parallel schrieb und veröffentlichte er Bücher sowie Hör- und Live-Programme, in denen er Alltagsbeobachtung mit Bildungskapital, Nonsens und feiner Satire verknüpft. Seine Auftritte in der ZDF-Satiresendung „Neues aus der Anstalt“ machten ihn zusätzlich einem großen TV-Publikum bekannt.
Tresenlesen: Kult, Comeback und literarischer Schulterschluss
Gemeinsam mit Frank Goosen prägte Malmsheimer als Tresenlesen eine Generation von Kabarett- und Lesebühnen-Fans. Das Duo, 1992 in Bochum gegründet, gewann Kleinkunstpreise und tourte mit Programmen, die Lesung, Improvisation und Dialogwitz verbanden. 2020, inmitten der Pandemie, kam es zur überraschenden Reunion – zunächst digital, später auch wieder auf Bühnen. Die Rückkehr zeigte, wie zeitlos die Handschrift der beiden ist: literarische Hochkomik, getragen von Tempo, Sprachlust und szenischer Fantasie.
Karrierehöhepunkte: Bühne, Fernsehen, Preise
Zwischen 2007 und 2013 war Malmsheimer in „Neues aus der Anstalt“ regelmäßig als Hausmeister zu sehen – eine wiederkehrende Rolle, die seine Präsenz in der politischen Satire festigte. Preisverleihungen setzten weitere Markierungen: der Bayerische Kabarettpreis (Hauptpreis) mit einer Laudatio von Georg Schramm, der Deutsche Kabarettpreis in Nürnberg sowie Auszeichnungen rund um seine Duo- und Soloarbeiten. Diese Ehrungen bestätigen seine Autorität als Sprachkünstler, der Komposition und Arrangement des gesprochenen Wortes zur eigenen Disziplin erhoben hat.
Diskographie und Veröffentlichungen: Vom Live-Mitschnitt zur DVD-Box
Malmsheimers „Diskographie“ bewegt sich zwischen Comedy-/Kabarett-Alben, Hörbüchern und Videoveröffentlichungen. Früh setzte er mit „Ich bin kein Tag für eine Nacht“ (2004, Roof Music/WORTART) ein Ausrufezeichen. Das lange, in Kapitel gegliederte Live-Werk dokumentiert seinen epischen Zugriff: Monologe mit dramaturgisch durchkomponierten Steigerungen, Tempowechseln und Pausen, die als „Stille im Takt“ wirken. Spätere zentrale Arbeiten – etwa „Ermpftschnuggn trødå, oder: hinter’m Staunen kauert die Frappanz“ oder „Dogensuppe Herzogin – ein Austopf mit Einlage“ – erschienen als Audio/Stream und als DVD-Aufzeichnungen (u. a. Tacker Film). Die jüngere Veröffentlichungslandschaft zeigt zudem Kollaborationen und neue Audioformate – ein Katalog, der fortlaufend gepflegt wird und die Bühne ins Wohnzimmer verlängert.
Auch jenseits der Bühne publiziert Malmsheimer: Bücher und Hörbücher markieren sein Spektrum vom literarischen Feuilleton bis zur parodistischen Geschichtskur. Diese Texte sind keine Nebenprodukte, sondern eigenständige Kompositionen, die seine Live-Ästhetik erklären: Der Autor ist der Arrangeur, der Sprecher der Interpret, die Pointen sind die harmonischen Wendungen.
Programme und Touraktivität: Gegenwart mit „Rigorosum sondershausen“
Aktuell tourt Malmsheimer mit „Statt wesentlich die Welt bewegt, hab’ ich wohl nur das Meer gepflügt – ein Rigorosum sondershausen“. Das Programm arbeitet mit den vertrauten Bausteinen seiner Kunst – Sprachkritik, Alltagsgroteske, Bildungssplitter – und führt sie in neue Zusammenhänge. Live-Momente entstehen aus mikroskopischen Beobachtungen: dem „Fundamentalirrtum Radfahren“, der Seltenheit von Kunst oder dem Mond als ästhetischer Projektionsfläche. Die jüngsten Tourdaten belegen die ungebrochene Nachfrage; Gastspiele in großen Häusern stehen neben Kultbühnen – ein Beleg für seine breite Zugänglichkeit bei gleichzeitiger intellektueller Dichte.
In der Adventszeit zeigte „Jauchzet, frohlocket!“ eine weitere Facette: gemeinsam mit Uwe Rössler und dem Tiffany-Ensemble trägt Malmsheimer vorweihnachtliche Texte mit Biss und Zärtlichkeit zugleich. Die Kombination aus literarischer Parodie, musikalischer Delikatesse und seiner unverwechselbaren Vortragskunst lässt die Grenzen zwischen Lesekonzert, Kabarettabend und Kammermusik humorvoll verschwimmen.
Stil und Handschrift: Episches Kabarett als Klangkunst
Malmsheimers Stil ist ein Lehrstück in Komposition: Sätze werden zu Perioden, Perioden zu Themen, Themen zu Variationen. Er führt motivische Wortfelder ein, bricht sie, verschiebt Betonungen – und erzeugt so einen Sog, der an orchestrales Schreiben erinnert. Sein Genre ist die Sprachperformance; sein Arrangement folgt der Logik von Kontrapunkt und Crescendo. Die Produktion passiert live: der Raum als Resonanzkörper, das Publikum als Chor aus Atemzügen, Lachen und leiser Stille.
Inhaltlich stehen neben Familien- und Alltagsmotiven die Medien- und Sprachkritik. Er geißelt Floskeln, seziert Neusprech, trifft dabei stets den Ton zwischen ironischer Distanz und menschenfreundlicher Wärme. Dass sich sein „episches Kabarett“ dem Tagespolitischen oft entzieht, ist Programm: Das Überzeitliche, das Literarische, das leicht Abseitige erhält so den Vortritt – und damit eine Haltbarkeit, die über den Nachrichtenzyklus hinausreicht.
Kultureller Einfluss und Rezeption
Malmsheimer inspiriert junge Kabarettistinnen und Kabarettisten wie auch Spoken-Word-Performer, Lesebühnen-Autorinnen und Podcaster. Seine Texte zirkulieren in Ausschnitten im Netz, seine Programme werden rezensiert als „Wortakrobatik mit Musikalität“. In Preisreden und Kritiken fällt auffallend häufig das Wort „Musikalität“ – ein Indiz dafür, dass seine Kunst als Klangereignis wahrgenommen wird. Er hat damit eine Brücke geschlagen zwischen Literatur, Bühne und einer Art „akustischem Feuilleton“, das das Publikum nicht nur lachend, sondern sprachsensibler entlässt.
Nicht zu unterschätzen ist sein Archivwert: Aufnahmen auf CD, Streaming-Plattformen und DVD-Boxen konservieren seine Bühnenarbeiten, machen sie auswertbar und studierbar – für Fans, für Kritik, für die Kabarettgeschichte. Labels, Verlage und Produzenten leisten hierbei die nötige Infrastruktur; sie verankern Malmsheimers Werk im Katalog deutschsprachiger Kleinkunst und Literaturperformance.
Auszeichnungen und Anerkennungen
Jochen Malmsheimer wurde mit zentralen Preisen der deutschsprachigen Kleinkunst ausgezeichnet, darunter der Deutsche Kabarettpreis (Hauptpreis) in Nürnberg und der Bayerische Kabarettpreis. Die Reihe prominenter Jurorinnen, Laudatoren und Medienpartner unterstreicht seine Autorität: Man attestiert ihm Grammatik-Finesse, Formulierungskunst und eben jene „außergewöhnliche Musikalität des Sprechens“. Darüber hinaus würdigten Institutionen wie das Mainzer unterhaus (Deutscher Kleinkunstpreis) sein Lebenswerk im Feld der Kleinkunst – einzeln und als Teil von Tresenlesen.
Diskographische Highlights und Kollaborationen
Zu den prägenden Tonträgern zählt „Ich bin kein Tag für eine Nacht“ (2004, Roof Music/WORTART): ein Live-Meisterstück voller Langform-Erzählungen. Spätere Alben und Veröffentlichungen führen diesen Ansatz fort – mit neuen Textzyklen, neuem Vokabular, neuen figurenstarken Monologen. Kollaborationen – ob mit Kolleginnen und Kollegen aus Kabarett, Lesebühne oder Literatur – öffnen zudem weitere Räume. Jüngere Releases dokumentieren, dass Malmsheimer sein Repertoire erweitert, ohne die Kernästhetik preiszugeben.
Gegenwart und Ausblick
Im Zeitraum 2025/2026 ist Malmsheimer rege unterwegs: neue Termine, wiederkehrende Lieblingshäuser und thematisch pointierte Sonderformate. Seine Bücher und Hörbücher stützen den Live-Korpus; die DVD-Editionen sichern die Archivlage. Wer die Entwicklung des deutschsprachigen Kabaretts verstehen will, kommt an Malmsheimer nicht vorbei: Er steht für eine Schule, die das Ohr trainiert, den Verstand fordert und das Lachen als Erkenntnisinstrument begreift.
Fazit
Jochen Malmsheimer bleibt spannend, weil er Sprache als Instrument behandelt – virtuos, unersättlich, überraschend. Seine Bühnenkunst mischt Komposition und Improvisation, seine Programme bauen dramaturgische Bögen wie Sinfonien, seine Pointen zünden als harmonische Wendungen. Wer verstehen will, wie Kabarett heute klingen kann, sollte ihn live erleben: Die Bühne ist sein Studio, das Publikum sein Orchester, und die gemeinsame Euphorie der Applaus. Es lohnt sich, den nächsten Termin in den Kalender einzutragen – und sich dem Sog der Sätze anzuvertrauen.
Offizielle Kanäle von Jochen Malmsheimer:
- Instagram: Kein offizielles Profil gefunden
- Facebook: Kein offizielles Profil gefunden
- YouTube: Kein offizielles Profil gefunden
- Spotify: Kein offizielles Profil gefunden
- TikTok: Kein offizielles Profil gefunden
Quellen:
- Wikipedia – Jochen Malmsheimer
- Jochen Malmsheimer – Offizielle Website
- Jochen Malmsheimer – Presseinformationen (Programme, PDFs)
- Wikipedia – Tresenlesen (mit Frank Goosen)
- Nordbayern.de – Deutscher Kabarettpreis für Jochen Malmsheimer
- WELT – Bayerischer Kabarettpreis (Hauptpreis) für Malmsheimer
- Tacker Film – Dogensuppe Herzogin (DVD)
- Tacker Film – …fast das Gesamtwerk – 1. Nachlieferung! (DVD-Box)
- Apple Music – „Ich bin kein Tag für eine Nacht“ (2004, Roof Music/WORTART)
- unterhaus Mainz – Programminfo „ein Rigorosum sondershausen“
- Stadt Dortmund – „Jauchzet, frohlocket!“ (Veranstaltung)
- Penguin Random House – Autorenseite Jochen Malmsheimer
- Kulturland RLP – Deutscher Kleinkunstpreis (Ehrenpreis für Tresenlesen)
- Wikipedia: Bild- und Textquelle
