Carlton Holmes

Quelle: Wikipedia

Quelle: Wikipedia
Carlton Holmes – Pianist, Komponist, Wegbereiter des zeitgenössischen Jazz
Ein Klangpoet zwischen Tradition und Aufbruch: Die faszinierende Welt des Jazzpianisten Carlton Holmes
Geboren am 21. August 1964 in Michigan und aufgewachsen in Seattle sowie Albuquerque, entwickelte Carlton Holmes früh eine unverwechselbare musikalische Stimme. Schon mit acht Jahren begann seine musikalische Ausbildung, über Trompete und Schlagzeug fand er mit elf Jahren zum Klavier – jenem Instrument, mit dem er sich als Pianist, Komponist und Bandleader einen Namen machte. Seit Mitte der 1980er Jahre prägt er die New Yorker Jazzszene mit einer Musikkarriere, die Bühnenpräsenz, Klangkultur und künstlerische Entwicklung konsequent verbindet. Holmes’ Spiel vereint die Energie des Post-Bop, die Eleganz des Modern Jazz und eine bemerkenswerte Sensibilität für Form, Harmonie und Klangfarbe.
Sein Werdegang ist eng verknüpft mit der Manhattan School of Music, wo er 1986 sein Studium aufnahm und rasch in die pulsierende Szene der Stadt eintauchte. Als gefragter Sideman und Leader arbeitete er mit prägenden Figuren des Jazz zusammen – ein Umfeld, das sein kompositorisches Denken, seine Improvisationssprache und sein Gespür für Ensemble‑Dramaturgie schärfte. Carlton Holmes steht für eine Jazzästhetik, die Substanz und Storytelling vereint: Lyrische Linien, analytische Formklarheit und ein warmes, dynamisches Klangbild
Frühe Jahre und Ausbildung: Vom Wunderkind zur reifen Stimme
Schon mit 15 Jahren trat Holmes professionell auf – ein Hinweis auf sein natürliches Timing, sein harmonisches Verständnis und seine Reaktionsgeschwindigkeit im Ensemble. Auszeichnungen als „Bester Solist“ in All‑State‑Jazz‑Band‑Wettbewerben unterstrichen früh seine improvisatorische Reife. Der Wechsel nach New York 1986 markierte den entscheidenden Schritt in seine künstlerische Entwicklung: Meisterklassen, Sessions und erste Tourneen formten einen Pianisten, dessen Spiel einerseits technisch souverän, andererseits erzählerisch und melodisch fokussiert blieb. Sein Ansatz verbindet geschulte Anschlagkultur mit ideenreicher Phrasierung – die linke Hand strukturiert, die rechte Hand erzählt.
Diese Grundlagen bestimmten auch seine spätere Tätigkeit als Komponist. Holmes schreibt Themen, die in ihrer melodischen Prägnanz singen, zugleich aber durch raffinierte Akkordverbindungen, modale Schattierungen und rhythmische Verschiebungen Tiefe erhalten. In seiner Diskographie und auf der Bühne wird sichtbar, wie organisch er Komposition und Improvisation verzahnt: Motive erscheinen, werden sequenziert, reharmonisiert und in dialogische Interaktionen des Ensembles überführt.
Karrieredurchbruch in New York: „Young Lion“ mit großem Ohr
Holmes’ Ruf etablierte sich in New York rasch: Als einer der „Young Lions“ spielte er sechs Jahre an der Seite des legendären Drummers Charli Persip und eröffnete eine über viele Jahre gepflegte musikalische Partnerschaft mit Master‑Drummer Michael Carvin. In dieser Phase verfeinerte er sein Zusammenspiel mit Bläsern und Rhythmusgruppen – ein Spiel auf der Kippe zwischen struktureller Klarheit und spontaner Interaktion. Gleichzeitig arbeitete er im Studio, schrieb für Film, Fernsehen und Broadway und erwarb sich eine Reputation als stilistisch flexibler, aber eindeutig jazzgeprägter Pianist mit eigenem Ton.
Sein Netzwerk umfasst Ikonen wie Max Roach, Branford Marsalis, Donald Byrd und Dianne Reeves; dazu kommen Begegnungen mit Lionel Hampton, Freddie Hubbard, Kenny Garrett, Terumasa Hino, Stevie Wonder und anderen. Diese Kollaborationen prägten Holmes’ ästhetisches Profil: eine rhythmisch dichte, doch durchlässige Klaviersprache, die den Puls der Tradition fühlt und zugleich moderne Formen, Voicings und metrische Akzente selbstverständlich integriert. Quellen bestätigen diese Stationen und verorten Holmes damit im Zentrum der New Yorker Szene der 1990er und 2000er Jahre.
Im Studio und auf Tour: Von Bill Kirchner bis Cindy Blackman
Aufnahmen mit dem Saxophonisten Bill Kirchner (Trance Dance, 1990) und Projekte mit Michael Carvin (Each One Teach One) zeigen Holmes als strukturbewussten Teamplayer, der Klangbalance und Dramaturgie eines Albums mitprägt. 1995 folgte die Zusammenarbeit mit Carlos Garnett (Resurgence), Ende der 1990er prägte er Cindy Blackmans Works On Canvas (1999). In Cindy Blackmans Formationen setzte Holmes Maßstäbe als Pianist und Keyboarder, der postboppige Linien mit einer modernen, oft elektrifizierten Soundästhetik verbindet. In diesem Kontext entstanden später Someday… (2001) und Music for the New Millennium (2004), auf denen Holmes nicht nur interpretatorisch glänzt, sondern auch als Komponist – etwa mit Stücken wie Eternal Justice und Theme to Ginger’s Rise.
Diese Alben dokumentieren Holmes’ Reife als Musiker: klanglich variabel, kompositorisch involviert, interaktiv im Gruppengefüge. Kritische Rezeptionen würdigten die Geschlossenheit der Konzepte und die Intensität der Interaktion – eine Handschrift, die Holmes’ Können am Klavier und sein Verständnis für Arrangement, Form und Produktion deutlich macht. Seine Diskographie belegt darüber hinaus die Fähigkeit, verschiedene Jazz‑Idiome organisch zu verknüpfen: von Balladenkultur und modalen Feldern über swingende Mittel‑ und Uptempo‑Nummern bis zu funkigen, elektrischen Texturen.
Leader‑Arbeit und eigenes Trio: You, Me and I
2010 veröffentlichte Holmes sein Trio‑Album You, Me and I, das seine poetische Seite, seine narrative Improvisationstechnik und sein Verständnis für Trio‑Ökonomie exemplarisch zeigt. Die Besetzung mit Bass und Schlagzeug schafft Raum für ein flexibles, atmendes Zusammenspiel: Der Pianist führt nicht autoritär, sondern eröffnet musikalische Räume, in denen sich melodische Motive, ostinate Figuren und harmonische Seitensprünge entfalten. Kritische Stimmen lobten die inspirierten Repertoire‑Entscheidungen und die Fähigkeit des Trios, Virtuosität in den Dienst des musikalischen Flusses zu stellen.
Holmes’ eigenes Schreiben fällt durch klare melodische Konturen, kontrapunktische Andeutungen in der linken Hand und einen nuancierten Umgang mit Pedal und Dynamik auf. In der Produktion vermeidet er klangliche Überladung; stattdessen stehen Klangfarbe und Kontur im Vordergrund. Das Ergebnis: ein modernes Pianotrio, das Geschichte kennt, aber in der Gegenwart spricht.
Stilprofil: Klang, Form, Interaktion
Holmes’ Stil vereint eine dezidierte Anschlagskultur mit geschärftem harmonischem Hörvermögen. Seine Akkordik bewegt sich vom modalen Schweben bis zu dicht voiceden, quartalen Strukturen; Reharmonisierungen setzen gern auf Sekund‑ und Tritonusbeziehungen, ohne die melodische Lesbarkeit aufzugeben. In der Improvisation bevorzugt er motivische Entwicklung – kleine Zellen werden transformiert, rhythmisch versetzt, sequentiert, kontrastiert. Die rechte Hand zeichnet Linien mit Gesanglichkeit und formaler Klarheit; die linke Hand stützt mit Walking‑Figuren, clusternahen Flächen oder synkopierten Akkordschüben.
Im Zusammenspiel mit Drums und Bass agiert Holmes als dramaturgischer Architekt: Spannungsbögen werden über Registerwechsel, Dichte‑Modulation und dynamische Terrassierung aufgebaut. In elektrischen Kontexten erweitert er das Farbspektrum mit E‑Piano und Synthesizer – immer mit dem Ziel, die Komposition in Szene zu setzen und das Ensemble zu beflügeln. Diese Mischung aus Fachwissen, historischer Einordnung und zeitgenössischer Klangsprache belegt Expertise in Komposition, Arrangement und Produktion.
Kollaborationen und kultureller Einfluss
Holmes’ Bedeutung zeigt sich in der Qualität seiner Kollaborationen. An der Seite von Cindy Blackman formte er über mehrere Alben eine moderne, energetische Jazzsprache, die postboppige Virtuosität mit pointierter Klangästhetik verbindet. Projekte mit Carlos Garnett verknüpften die Spiritual‑Jazz‑Tradition mit frischem, urbanem Puls. Die Arbeit mit Größen wie Branford Marsalis, Max Roach oder Donald Byrd schlägt Brücken zwischen Generationen und Stilen – ein Beitrag zur lebendigen Traditionslinie des Jazz.
Auf Bühnen in New York – bis hin zu intimen Konzertformaten und Livestream‑Settings – zeigte Holmes eine Bühnenpräsenz, die Nähe schafft: Er versteht es, Hörer in einen musikalischen Dialog zu ziehen, spontane Interaktion hörbar zu machen und doch eine klare dramaturgische Linie zu halten. In der Pädagogik vermittelt er diese Prinzipien in Workshops und Masterclasses: Ohrschulung, Formverständnis, Time‑Konzept, Sound. So prägt er nicht nur die Bühne, sondern auch die nächste Musikergeneration.
Aktuelle Projekte, Konzerte, Repertoire (2023–2025)
Holmes blieb in den letzten Jahren präsent: Mit seinem Trio ehrte er 2023 den verstorbenen Carlos Garnett in Brooklyn und knüpfte damit an gemeinsame künstlerische Wegmarken an. 2024/2025 zeigte er seine Soloseite in kuratierten Konzertreihen, während in Europa neue Konstellationen mit lokalen Protagonisten entstanden. Für den 27. Juli 2025 war ein Quartett‑Auftritt in Passau angekündigt – ein Programm, das Klassiker aus dem Jazz‑Kanon, Bossa‑Novas, funkige Grooves und Balladen mit Eigenkompositionen verbindet. Solche Setlists spiegeln Holmes’ Spannweite: von Wayne‑Shorter‑Verbeugungen bis zu Originalen, die mit lyrischem Kern und rhythmischer Finesse überzeugen.
Holmes’ Repertoire bleibt bewusst durchlässig: Standards als offenes Formfeld, Originals als dramaturgische Klammer, Raum für Interaktion als Markenzeichen. Damit bleibt er ein Künstler, der Gegenwart und Erinnerung miteinander verwebt – akustisch, elektrisch, solo, im Trio oder im Quartett.
Diskographie – Auswahl und Einordnung
Als Leader steht You, Me and I (2010) im Fokus: ein Album, das die reife Handschrift des Pianisten präsentiert – melodisch geerdet, rhythmisch beweglich, soundbewusst produziert. Als Sideman/Co‑Leader prägen besonders die Aufnahmen mit Cindy Blackman sein Profil: Works On Canvas (1999) als Statement in Richtung farbenreicher, kompositorisch dichter Post‑Bop; Someday… (2001) als konzentriertes Quartettalbum mit Holmes am Klavier; Music for the New Millennium (2004) als weiträumige, klanglich erweiterte Produktion, in der Holmes auch kompositorische Akzente setzt.
Hinzu kommen Sessions und Veröffentlichungen mit Bill Kirchner, Michael Carvin, Carlos Garnett und weiteren New‑York‑Protagonisten. Kritiken würdigten an den genannten Alben die konzeptionelle Geschlossenheit, die Energie der Rhythmusgruppe, Holmes’ Fähigkeit, thematische Linien durch Klangfarbenwechsel zu verdichten, und sein Gespür für dramaturgische Bögen. In Summe ergibt sich ein Portfolio, das sowohl Jazz‑Kenner adressiert als auch neugierigen Hörerinnen und Hörern einen zugänglichen Einstieg erlaubt.
Live‑Ästhetik und Pädagogik
Live steht Holmes für eine klangbewusste, empathische Interaktion. Er steuert dynamische Übergänge mit feinem Pedalgebrauch, differenziertem Voicing und einer flexiblen Time‑Auffassung, die Groove und Freiheit ausbalanciert. Seine Solo‑Konzerte zeigen die narrative Qualität seines Spiels; im Trio öffnet er Räume, im Quartett intensiviert er die Call‑and‑Response‑Logik zwischen Klavier und Bläsern.
Als Lehrer und Mentor vermittelt er dieses Vokabular systematisch: Hören als Primat, Formbewusstsein als Richtschnur, Technik als dienendes Mittel der Aussage. Workshops und Masterclasses zeigen Holmes als reflektierten Praktiker, der sich gleichermaßen um Klangkultur, Phrasierung, Transkriptionstechniken, Voicing‑Strategien und Ensemblekommunikation kümmert. Damit zahlt er in den kulturellen Wert des Jazz ein – als lebendige, geteilte Praxis.
Fazit: Warum Carlton Holmes jetzt hören – und live erleben?
Carlton Holmes ist ein Pianist, der Substanz und Schönheit vereint: Ein Erzähler am Klavier, dessen Diskographie zwischen Trio‑Intimität und bandorientierter Energie oszilliert; ein Komponist, der Motive mit harmonischer Tiefe lädt; ein Improvisator, der Form und Freiheit zusammenführt. Seine Musikkarriere steht für Erfahrung, Expertise und Glaubwürdigkeit: Aufnahmen mit maßgeblichen Stimmen des Jazz, stetige künstlerische Entwicklung, eine Handschrift, die Wiedererkennbarkeit und Offenheit balanciert.
Wer modernen Jazz liebt, findet bei Holmes eine Musik, die berührt und fordert, die Tradition respektiert und Zukunft formt. Ob auf Solotour, im Trio oder im Quartett – Carlton Holmes live bedeutet: Interaktion auf Augenhöhe, ein organischer Sound und Momente, die nachklingen. Hören, entdecken, erleben.
Offizielle Kanäle von Carlton Holmes:
- Instagram: Kein offizielles Profil gefunden
- Facebook: Kein offizielles Profil gefunden
- YouTube: Kein offizielles Profil gefunden
- Spotify: Kein offizielles Profil gefunden
- TikTok: Kein offizielles Profil gefunden
Quellen:
- Wikipedia – Carlton Holmes
- Harlem Jazz Boxx – Künstlerprofil Carlton Holmes
- All About Jazz – Carlton Holmes
- Inntöne Festival Archiv – Carlton Holmes Solo
- Soapbox Gallery – Carlton Holmes in Concert (Livestream 2020)
- Sistas’ Place – Carlton Holmes Trio (2023)
- Apple Music – Carlton Holmes: You, Me and I (2010)
- Wikipedia – Cindy Blackman: Someday… (mit Carlton Holmes)
- Wikipedia – Cindy Blackman: Music for the New Millennium (mit Carlton Holmes)
- hey.bayern – Carlton Holmes Quartet (Passau, 27.07.2025)
- Jazzword – Künstlerindex: Carlton Holmes
- Wikipedia: Bild- und Textquelle
